Sonntag, 1. September 2013

… mit einem unnützen Mädchen

Es war der 25. November. Es war kein besonderer Tag und ich schlief. Was ich noch nicht wusste: Meinen Computerwecker hatte man bei null Uhr angehalten und meine Nummer für fakultativen Service existierte nicht mehr.

Auch Tanja schlief. Sie war in der Nacht aus ihrem Bett gestiegen und die paar Schritte barfuß zu mir getapst. Ich hatte ihr wie immer etwas Beruhigendes entgegengebrummt und sie an mich gezogen. Dass die Luft da schon auf 15 Grad abgekühlt war, war uns beiden nicht aufgefallen. Auch der Sauerstoffgehalt war vermutlich erst wenig abgesunken.

Tanja war das dritte in meinem Bauch gewachsene Kind. Bei mir war seinerzeit nur die Leihmutterschaft als Gelderwerb in Betracht gekommen. Ich vermochte mich immerhin gewählt auszudrücken, hinterließ einen zuverlässigen und zugleich gebildeten Eindruck. So hatte meine Arbeit Erfolg versprechend mit der Übergabe zweier Jungen begonnen. Die vermögenden Auftraggeberfamilien waren mit mir zufrieden. Die Trockenbaums versprachen sogar, mich später unsterblich zu machen. Natürlich kamen sie nachher nicht wieder darauf zurück. Man verspricht ja sehr viel im Moment besonders großer Freude. Das nächste Baby wurde dann aber früh als werdendes Mädchen identifiziert. Das aber hatte der Vertrag ausgeschlossen. Ich sollte abtreiben. Für Mädchen bedürfe es ja wohl keiner althergebrachten Schwangerschaft. Ich hatte mich geweigert, war deshalb für meinen Beruf untragbar geworden und kümmerte lange so vor mich hin, immer hart an der Grenze, vom Netz genommen, abgeschaltet, gelöscht zu werden. Wie soll man Vulgärexistenzen wie mich verwerten? Allein in den illegalen Survivalzonen hätte keiner danach gefragt. Dort überlebten angeblich einige Outsider ohne Servicenummer und Chips und all das Zeug, das bewies, dass man – wenn auch nur für begrenzte Zeit – existierte.

Richtige, eben unsterbliche Existenz steht nur einer vermögenden Elite zu. Ihrer von Natur aus mangelhaft konstruierten Körper ledig sehen sich diese Menschen dann über Neuronennetzanschlüsse permanent durch nach den eigenen Wünschen ausgestaltete Landschaften laufen. Sie schmecken die edelsten Speisen, ohne wirklich essen zu müssen und sie genießen die traumhaftesten Partner – ohne jeden störenden Ärger. Ansonsten ändert sich nichts. Großrechnersysteme optimieren alle ihre Lebensfunktionen normalerweise auch schon in der Vulgärexistenz, nur …
Ich hätte gern weiter geträumt, aber Tanja stößt mir ihren Ellenbogen zwischen die Rippen. Etwas stimmt nicht. Irgendetwas ist anders als sonst. Nur was? Grübeln ist sinnlos. Gerade dann, wenn ich etwas unbedingt schaffen will, habe ich so eine totale Denkblockade. Ich komme nicht auf die einfachste Lösung. Da hilft nur, etwas ganz Anderes zu tun oder denken. Aber wieder einschlafen? … Ob ich es versuchen sollte?
Ich blinzele. Tanja hat sich halb aufgedeckt. Ich decke sie zu und schleiche ins Bad, komme aber nicht dazu, mir in Ruhe die Zähne zu putzen. Tanja steht in der Tür. Sie hält sich die linke Hand über die Augen und quäkt “Warum läuft denn gar keine Musik?”
Das also ist es – das ewige leise Berieseln mit harmonischen Klängen fehlt. Ich laufe ins Wohnzimmer. Gespenstische Stille, der Monitor dunkel, kein grünes Signallicht am Tower. Ich drücke halb verärgert, halb verängstigt den großen schwarzen Knopf. Auf dem Bildschirm erscheinen drei überdimensionale Ausrufezeichen. Als hätten sie nur darauf gewartet, dass ich sie anstarre, lösen sie sich auf. An ihrer Stelle macht sich ein Schriftzug auf dem ganzen Monitor breit: “Sie haben die vorausgegangenen automatischen Warnungen nicht ernst genommen.” 
Tanja ist hinter mich getreten. “Is was, Mama?” — “Nein, nein.” 

Wie, um mich Lügen zu strafen, kommt die nächste Meldung. “Sie haben seit sieben Tagen Ihr genehmigtes Limit überschritten. Gleichen Sie innerhalb der nächsten 72 Stunden Ihr Konto aus! Sollten Sie diese Chance bis zum 28. November, 0.00 Uhr, missachten, wird auch Ihr restlicher Nutzercode gelöscht. Alle Schaltfunktionen verbleiben dann in ihrer jeweiligen Stellung. Wäre diese mit einem Verbrauch verbunden, wird sie auf Null korrigiert. Sie existieren dann nicht mehr. Die Entsorgung Ihrer Überreste vereinbaren Sie bitte jetzt mit einer der zuständigen Firmen. Wählen Sie nach Betätigung des OK-Buttons eine aus!”
...

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