Sonntag, 1. September 2013

Slov ant Gali: Im Heute das Morgen


Als sie in den Hörsaal gedrängt wurde, kam ihr, zum wievielten Mal schon, der Gedanke, sie sollte ihre Haare färben. Es war doch die natürlichste Sache der Welt. Ihre rötlichen Haare hoben sie aus der Masse heraus. Und genau das wollte sie nicht. Janara musste aufpassen, um nicht abgedrängt zu werden. Nein. Myra hielt zwei Plätze frei. Ganz oben. Für Peggy und sie. Mit Myra war jede Veranstaltung ein Erlebnis. Die fand immer etwas dazwischenzureden. Das lenkte ab. Aber die Semesterarbeit musste wenigstens ein „befriedigend“ bringen. Dann bekam sie die Anwesenheit für das Fach „Psychologische Probleme extraterrestrischer Lebensentwicklung“ bescheinigt. Mehr wollte Janara eigentlich nicht. Um im kommenden Jahr an einem College zu studieren, brauchte sie neben dem Notendurchschnitt, der kein Problem für sie war, den Beweis für ein thematisch breit entwickeltes Interesse. Möglichst viele Nebenfächer. Je mehr, umso besser. Extraterrestrische Lebensentwicklung interessierte sie nicht wirklich. Aber viele der Mitschüler fanden es schick. Da hatte sie die größte Chance, nachher noch ein paar Gedankengänge mit anderen zu vergleichen. Und diese Lesung war auf jeden Fall etwas Außergewöhnliches – nicht nur Myras Kommentare wegen. Da ließ sich ein Dozent der Akademie zweimal im Jahr für die Schüler ihrer unbedeutenden Kleinstadt dazu herab, vier Stunden Vortrag zu halten. Weil er hier geboren und tatsächlich schon im All gewesen war. Na, vielleicht hoffte er, so schneller einen eigenen Lehrstuhl zu bekommen.
Von ihren Plätzen hatten die Mädchen eine gute Übersicht. Janara versuchte, dieses unsinnige Gefühl wegzudrücken, gleich ginge eine Prüfung los. So also sah ein echter “altehrwürdiger” Hörsaal aus. Kein Computerkabinett mit Simultanarbeitsplätzen, sondern ein riesiger Raum mit Bänken, die aufsteigend angeordnet waren. Von den schätzungsweise 400 Sitzen waren inzwischen etwa 300 belegt und noch immer spuckten die beiden Doppeltüren schubsende Schüler in den Saal. Eigentlich war das eine ideale Gelegenheit. Wann konnte man sonst schon die Jungen beobachten, ohne dass die sich wie alberne Gockel benahmen,- HAST DU ABER SCHÖNE BLAUE AUGEN! Janara hätte es für ein gelungenes Kompliment gehalten, sich zumindest darüber gefreut, wenn es nicht so verdammt abgeschmackt und abgenutzt geklungen hätte. Diese Augen waren neben jenen rötlichen Haaren das auffälligste Erbstück von ihrer Mutter und die war auch jetzt noch eine aufregende Frau. Was andere Mädchen mit extra eingesetzten Haftschalen zu imitieren versuchten, war bei Janara Natur: Ihre Iris gab im Normalfall einen ungewöhnlich breiten Kreis hellblau leuchtenden Himmels preis. Aber wahrscheinlich hielten es eben alle für künstlich. Es war so “in”, dass Janara schon an grüne Haftschalen gedacht hatte. Die passten auch zu ihren Haaren.
Noch drei Minuten. Jener legendäre George Buckinns stand schon vorn neben dem Pult. Offensichtlich nervös spielte er am Beamer herum. Wunderbar: Der würde also Zusammenfassung und Struktur des Vortrags an die Wand werfen. Janara brauchte nur Fotos zu machen und sich ein paar spezielle Ausdrücke des Dozenten zu notieren.
Eigentlich war der Typ … Janara hätte nicht sagen können, was sie von dem Mann halten sollte. Irgendwie … Fast glaubte sie, schon einmal von ihm geträumt zu haben, und eine entsprechende Bemerkung lag ihr bereits auf den Lippen, aber in Gedanken hörte sie Myras abfällige Antwort “Der und Traummann? Nun übertreib mal nicht!” Janara schüttelte unmerklich den Kopf. Sie wusste, sie hätte geantwortet, antworten müssen, dass sie es ja nicht so meine. Aber wie dann? Besser, sie ließ sich nichts anmerken.

Für einen, der schon eine Interstellarreise und erste Jahre an der Raumakademie hinter sich hatte, sah er extrem jung aus. Anfang 40 vielleicht. Jünger als Dad. Das war wahrscheinlich den Kälteschlafphasen geschuldet, die er durchlaufen hatte. Er hatte seinen Flug zu einer Zeit angetreten, als die Astronauten zum ersten Mal ihre Schlafsärge im Wechsel selbst einstellen durften. Sieben Frauen, sieben Männer. Keine Paare am Anfang. Ob sie sich fanden, ergab sich erst in der Gemeinschaft des Fluges. Zufälle. Denn sie hatten sich geeinigt, dass immer nur zwei bis drei Besatzungsmitglieder den irdischen Wechsel von Tag und Nacht simulierten, den Flug überwachten. Es konnte also Jahre dauern, bis die eine den oder die anderen fand, die besonders mit ihr harmonierten. Dass das Team theoretisch gut harmonieren würde, hatten Tests an dafür entworfenen Geräten ihnen bescheinigt. Man hatte sie auf eine Reise von etwa 20 Jahren im Wachzustand und einen allgemeinen 100jährigen „Dornröschenschlaf“ eingestimmt. Da gehörte es zum Programm, sich gegenseitig zu testen, zu harmonisieren oder zu verwerfen. Es konnte ja sein, dass sonst absolut nichts als Routinen abgearbeitet werden konnten, die auch Automaten hätten bewältigen können. Ihr Hauptziel war es, das Programm zur automatischen Erkennung von Lebensformen zu testen. Was nutzten denn Sonden, deren Untersuchungsprogramme unter Umständen einen Mangel enthielten, so dass sie entweder lauter Zivilisationen meldeten oder an Planeten vorbeiflogen, die vielleicht eine zweite Erde waren oder werden konnten? Sicher konnte man nur sein, wenn man die Untersuchungsergebnisse vor Ort verglich. Aber die Entfernung von einem Untersuchungsobjekt bis zum nächsten sei eben astronomisch ...

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